Norman Shetler
Musikalisches Puppenkabarett

http://www.normanshetler.com

Programmtext

Norman Shetler


Musik und Puppen, eine vergnügliche Mischung für jung und alt, wie man so sagt. In der Tat, man stelle sich einen miesepetrigen Kasper vor, der im nach ihm benannten Theater ohne sein charakteristisches "Tri tra trullala" aufträte – nicht auszudenken, welchen Knacks die minderjährigen Theaterfreunde davontragen könnten, denn sie erwarten doch, dass man ihnen eine unterhaltsame Geschichte mit einer bekannten Einführungsmelodie erzählt und sie damit in eine Märchenwelt entführt. Puppen und Musik, eine enge, eine schier unzerstörbare Verbindung, die in unserer Populärkultur besonders durch die Ausstrahlung der amerikanischen "Muppet Show" und erst recht mit Hilfe der unsterblichen Augsburger Puppenkiste verankert wurde. All jene, die sich bei einer der vielen Fernsehwiederholungen dabei ertappt haben, wie sie bei "Eine Insel mit zwei Bergen" aus "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer", bei "Tief unter der Erde, da ist es schön" aus "Kleiner König Kalle Wirsch" oder bei "Bill Bo und seine Bande" aus der gleichnamigen Inszenierung mitsummten, die konnten ihrer erfolgreichen Sozialisation in der Bundesrepublik der siebziger Jahre sicher sein. Und wer nun immer noch die Verbindung von Puppenspiel mit der Entwicklung populärer Kultur in Frage stellt, dem sei Roberto Blancos zeitloses Diktum "Der Puppenspieler von Mexiko war einmal traurig und einmal froh" entgegen geschleudert. In diesem Programm geht es allerdings nicht um einen Puppenspieler aus Mexiko, sondern um einen aus Amerika. Sein Name ist Norman Shetler.

Norman Shetler, so würden Moderatoren von Fernsehsendungen über das Übersinnliche augenrollend verkünden, ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Der Konzertpianist ist ein virtuoser Liedbegleiter, der mit vielen großen Musikern unserer Epoche konzertiert und aufgenommen hat: Peter Schreier, Dietrich Fischer-Dieskau, Elly Ameling, Anneliese Rothenberger und Thomas Quasthoff, um nur einige zu nennen. Mit ihnen und vielen anderen hat er mittlerweile über 70 Schallplatten und CDs eingespielt. Shetler ist Wahl-Wiener und Professor für Liedinterpretation an der dortigen Musikhochschule – "an American in Vienna", und das seit über dreißig Jahren. Der Mann, so sollte man meinen, ist ausgelastet. Aber Norman Shetler entdeckte in den siebziger Jahren (also just zu dem Zeitpunkt, als manche der oben genannten Puppensongs in den Charts zu finden waren) ein neues Hobby, nämlich das Puppenspielen.

Es heißt, dieses Hobby sei aus einem Aprilscherz entstanden – es mag aber auch sein, dass er nicht immer nur der Begleiter derer sein mochte, die in ihren Liedinterpretationen Geschichten erzählten, sondern selber einmal phantasievolle Welten erschaffen wollte. Ganz wollte er sich dann aber wohl doch nicht vom Klassikbetrieb entfernen – was lag also näher, als eben diesen mit seinen Puppen auf die Schippe zu nehmen? Er tut dies mit großem Geschick und in einem charmanten amerikanischen Wienerisch – fast möchte man meinen, er hätte rein äußerlich ein ganz kleines Bisschen Ähnlichkeit mit einem anderen Wiener Humoristen, nämlich mit Georg Kreisler. Aber wo Kreisler mit diabolischem Grinsen Sarkasmen verbreitet, läßt Shetler seine Puppen sprechen. Was heißt: sprechen – er läßt sie singen, spielen, konzertieren, und dabei stattet er sie mit so manchen kleinen Eigenheiten und Eitelkeiten aus, die weltweit den klassischen Konzertbetrieb würzen. "Puppet on a String", das mit den Marionetten an der Schnur vergessen wir am besten ganz schnell wieder – Norman Shetler benutzt Handpuppen, aber vielleicht benutzen sie manchmal auch ihn. Da wäre etwa der große Pablo Casals, der verzweifelt versucht, Ordnung in einen desolat tönenden Haufen von Orchestermusikern hinein zu dirigieren, um bei der Darbietung von Bachs Brandenburgischen Konzerten zu retten, was noch zu retten ist. Oder die gefeierte Nelli Ei – sie ist Shetlers schelmische Verbeugung vor der Pianistinnenlegende Elly Ney. Bei der Verve dieser anmutigen Diva bekommt der klaviertechnische Begriff "Anschlag" eine völlig neue Bedeutung. Kein Wunder, dass ihr Flügel aus Schaumgummi besteht, um schwereren Verletzungen vorzubeugen (wen kümmert's, ob Beethoven amüsiert wäre?).

Doch Norman Shetler hält es nicht nur mit klassischen Berühmtheiten. Wer noch nie die Kuhglocken-Serenade des phänomenal begabten schweizerischen Zwillingsduos Rudi und Ingeborg vernommen hat, dem werden sich die Mysterien des Alpenraums niemals vollkommen erschließen. Auch haben uns weder "Brehms Tierleben" noch Professor Grzimek darauf vorbereitet, zu welchen musikalischen Meisterleistungen die Tierwelt fähig ist – Professor Shetler beweist uns, was Hunde, Kühe, Eulen und nicht ganz jugendfreie Hasen auf der Bühne zu leisten im Stande sind.

Shetler wird gerne mit Künstlern verglichen, die aus einem "E" ein "U" zu machen im Stande waren und der Klassik humorvolle Seiten abgewonnen haben: Gerald Hoffnung, Spike Jones und der noch nicht lange verstorbene Victor Borge. Aber noch mehr als sie inszeniert er Geschichten, indem er Puppen ins Rampenlicht treten läßt, die nicht selten erst einmal ihr eigenes Lampenfieber bekämpfen müssen, sich dann aber richtig ins Zeug legen. So entstehen freche kleine Erzählungen, die vom Meister und seinen Puppen mit einem Esprit vorgetragen werden, der eigentlich nur entstehen kann, wenn trockener angelsächsicher Humor auf die unvergleichlich wienerische Melange aus Schmäh und Charme trifft.

Ernst-Georg Richter

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