Evgeni Koroliov
Klavier

Rezensionen

Konzerte

Evgeni Koroliov

Detmold, Konzerthaus der Hochschule für Musik, 5. April 2016
Werke von J.S.Bach, Bartók, Chopin, Debussy, Kurtág und Ligeti


Mit Kalkül, Poesie und einem inneren Leuchten
Unauffällig. Farblos. Zurückhaltend. Adjektive wie diese könnten es sein, die dem einen oder anderen Konzertbesucher in den Kopf geraten, während sein Blick Evgeni Koroliov auf dem Weg zum Flügel folgt. Ein feines Lächeln umspielt die Lippen des Pianisten - irgendwie sanft geerdet, durchgeistigt. So, als könne ihn nichts auf der Welt aus der Ruhe bringen.
Was man nun erlebt, ist alles andere als farblos und unauffällig, sondern eine pianistisch einzigartige Erscheinung. Zu hören ist ein grandioser Denker am Klavier. Ein eminent reflektierter Musiker, der das Konzert zu einer musikalisch-intellektuellen, aber dennoch nicht verkopft-studierten Unternehmung werden lässt.
(...) Wie von Bach her gedacht, klingt die Koroliovsche Interpretation der beiden Etüden aus den "Trois nouvelles études" von Frederic Chopin. Ohne Sentiment macht er Strukturen wie mit einer akustischen Lupe deutlich, und doch hört man verblüfft, wie einfühlsam die Auslegung gleichzeitig ist. Ohne effekthascherische Attitüden, organisch ausbalanciert und mit Gespür für Zeit und Rhythmus verleiht er den Chopinschen "Übungsstücken" ein inneres Leuchten.
Es wundert nicht, dass auch sein Debussy-Spiel geprägt ist von Klarheit. Nicht als impressionistische Schaustücke legt er "Etude" und "Prélude" an. Geistvoll und sinnlich führt Koroliov das mucksmäuschenstill lauschende Auditorium ins Innere des Klanggewebes. Zusammengeführt in meisterhafter Balance verbinden sich Wissen und Intuition, Kalkül und Poesie zu einer existentiellen Aussage.
(...) Nach diesen pianistischen Mirakeln kehrt Koroliov zurück zu Bach. Zurück zur "Kunst der Fuge". Was folgt, ist nur noch die von Koroliov unvermittelt abgebrochene, weil unvollendete "Fuga a 3 Soggetti". Voran geht ein immens intensives Spiel, ganz dem Moment hingegeben, von bezwingender Beseeltheit. Und zum ersten Mal an diesem Abend spiegelt sich diese Intensität nicht nur im Klang,
sondern auch in Koroliovs Gesichtszügen wider. Weiter und weiter schraubt sich die Musik. Dann jählings Stille. Gefolgt von lang anhaltendem Applaus. Jetzt noch eine Zugabe zu spielen - unmöglich. Denn mehr geht nicht. Mehr kann man nicht wollen.
Lippe Aktuell, 9.4.2016

****************

Barcelona, Palau de la Musica, 17. Februar 2016 - "Die Kunst der Fuge"

Die unergründliche Einfachheit
Evgenij Koroliov ist ein Pianist von solider intellektueller Bildung und weiß ebendies mit staunenswerter Präzision mit seinen Fingern auf die Tastatur zu übertragen. Von der ersten Note an fesselnd, offenbarte die Exposition des Themas die Einfachheit dieser Musik mit präzisem und feinem Anschlag. Die Klugheit dieses Pianisten zeigte sich darin, die Musik für sich selbst sprechen zu lassen, ohne dabei der Obsession zu verfallen, jeden Eintritt des Ausgangsthemas zu betonen, die wir bei vielen Pianisten finden. Das Thema ist ohnehin durchgängig präsent und zu hören. Aber wenn man es zuweilen im Hintergrund lässt, so wie es Koroliov tut, gehen die Äste der Bäume gleichsam auseinander und wir können das gesamte Panorama dieses dichten Waldes, dem die Musik Bachs gleicht, genießen.
In den Händen Koroliovs ist es die Harmonie, die die Dynamik prägt, ohne dabei jemals zu forcieren. Alles fließt dahin mit scheinbarer Einfachheit, dabei zu einer Tiefe gelangend, die nur wenige Komponisten erreicht haben. Inmitten all der Umkehrungen, Spiegelungen und Variationen der Ausgangsmelodie und dies gespickt mit zuweilen wahrhaft teuflischen Rhythmen, zeigt Koroliov eine enorme Musikalität, indem er den puren Reichtum dieser Partitur bloßlegt von den subtilsten bis hin zu den entscheidendsten Momenten, so wie in der Klimax im neunten Contrapunctus, in der wir der ursprünglichen Melodie kurz vor der Pause wiederbegegnen.
Ein Detail, das leicht verborgen bleibt, aber Aufmerksamkeit verdient, ist seine Pedalisierung. Die Schlichtheit und Expressivität erreicht er eben nicht nur mit den Fingern, sondern auch mit seinem präzisen Einsatz der Füße, dabei immer die Harmonie stützend, ohne Eintrübung der akkordischen Klarheit bei gleichzeitiger Suche nach Nuancierung noch in den heikelsten Passagen. Koroliov entgeht hier nicht das geringste Detail. Da er das Werk sowohl mit dem Kopf als auch mit den Fingern meistert, ist es bezeichnend, dass der Pianist auswendig spielt, die geschlossene Partitur gleichwohl am Piano: lange schon interpretiert er dieses Werk im Konzert, aber angesichts solch unergründlicher Einfachheit ist es besser, auf Sicherheit zu gehen und die Noten bei der Hand zu haben.
Pep Gorgori, Revista Musical Catalana, 19.02.2016

*****************************************

Ausgeklügelte Differenzierung - Bachs "Kunst der Fuge" im Festsaal des Dachauer Schlosses

Man sagt, Bachs "Kunst der Fuge" sei als Mustersammlung der Fugenkomposition nur für die geistige Auseinandersetzung mit dieser schwierigen musikalischen Form geschrieben und höchstens für ein inneres Hören gedacht. (...) Wenn die Zuhörer im Schloss Dachau trotzdem hingerissen waren, so lag das an der ungemein beeindruckenden klanglichen Aufbereitung durch Koroliov in ausgeklügelter Differenzierung des Anschlags vom Harten und Kernigen bis hin zum samtig Weichen und in seinem Legato- und Non-Legato-Spiel...
Adolf Karl Gottwald, Süddeutsche Zeitung, 01.12.2014
*****************************************

Pianist Evgeni Koroliov und das Prazak Quartett im BASF-Feierabendhaus

Koroljows Wiedergabe kam einer Offenbarung in Sachen Haydnscher Klaviermusik gleich. Die Eleganz seiner Artikulation, das perlende Passagenwerk, die unbestechliche Klarheit der mehrstimmigen Linienführung, die anmutigen Arabesken und die Anspielungen an barocke Modelle: All das war von beglückendster Wirkung.
Gabor Halasz, Die Rheinpfalz, 2.11.2013
******************************************
Viele Pianisten in einem
Evgeni Koroliov unterstreicht seinen singulären Rang als Interpret mit Bach und Ligeti
Rolf-Liebermann-Studio, Hamburg

Lesen Sie den Artikel zum Konzert vom 10.03.2013 auf der Seite vom Hamburger Abendblatt.
**************************************

Ovationen für Evgeni Koriolov und Ljupka Hadzigeorgieva – Gastspiel im Staatstheater Oldenburg

Auch wenn in den ersten beiden Werkzyklen dieses sensationellen Gastspiels die „kleine Form“ dominierte: „Die Musik um das Jahr 1913 – Musik einer Zeitenwende“ hatte viele Gesichter. Der „Verein der Musikfreunde Oldenburg“ hatte sie für sein jüngstes Konzert als Motto gewählt – und in dem russischen Pianisten-Ehepaar Evgeni Koroliov und Ljupka Hadzigeorgieva zwei herausragende, kompetente Sachwalter gefunden.
Koroliovs eigene, gestochene, treffsicher-glasklare pianistische Brillanz und elastische, federnde Energie lieferten bei Prokofjews „Sarkasmen“ op. 17 das technische Fundament, um diese seltsam aus Neoklassizismus und Groteske, Motorik und lyrischen „Resten“ gemischten Stücke zu echten, spannungsreichen Charakter-Miniaturen zu formen. Kontrastfülle und virtuoser Impuls, aber auch wechselndes Kolorit (bei Akkorden), ineinandergreifende unterschiedliche Rhythmen und Motive werden, auch ohne überbordend-martialische Härte, erfahrbar gemacht.
Transparenz der Faktur und Anschlagsmagie, Sinn für Valeurs und differenzierte Bewegung, Klarheit und exakte Gestalt bestimmten das „Bild“ der Debussy-Interpretationen Koroliovs (aus dem 2. Heft der Préludes).
Der Klang gewinnt bei seinem Debussy-Spiel konstitutive Funktion, aus ihm entwickeln sich die Bewegungen, musikalischen Verläufe und Strukturen. Freie, oft schwebende Strukturen treten mit großer Plastizität hervor. Nirgends gibt es Anflüge von Sentimentalität, stattdessen ist – dank der Fähigkeit des Pianisten, „zwischen den Zeilen“ zu lesen – Debussys Größe und Modernität imponierend herausgearbeitet worden.
Plastizität war auch bei der eigentlichen Sensation des Konzertes gefragt: Strawinskys „Sacre du printemps“, das schockhafte „Frühlingsopfer“ von 1913 in der vom Komponisten besorgten Fassung für Klavier zu vier Händen.
Die wilde, rabiate, kraftgeladen-archaische Tanzfantasie verlangt zirzensische Zauberkünste nicht nur vom Dirigenten (beim Original des Werks für Orchester), sondern auch auf den Tasten (bei der Klaviertranskription).
Bei Evgeni Koroliov und Ljupka Hadzigeorgieva ist alles auf dem Klavier Erreichbare da: die Disziplin, Konzentration des Zusammenspiels und Transparenz, die auch extremste Klangballung und komplexeste „Soli“ durchsichtig macht; die souveräne Überschau, die eherne Statik und Emotionen, Farbenspiel und beklemmende Spannung des Aufbaus entfaltet und ausbalanciert; die Konturenschärfe rhythmisch-metrischer Strukturen, die die elementare und rituelle Seite des Werkes hervorkehrt. Jubel!

Werner Matthes, Nordwest Zeitung, 28.01.2013
*****************************************
Evgeni Koroliov spielt Bachs „Goldberg-Variationen“ in Konstanz

"Die unendliche Verwandlungsgeschichte"

Johann Sebastian Bach, dessen Musik alle Affekte – von „Weinen, Klagen“ bis zur Geschmackslustbarkeit „O, wie schmeckt der Coffee süße“ – darzustellen und auszulösen vermag, ist zugleich der unüberbietbare Erfinder einer Musik, die feste Ordnung und freieste Phantasie ins Klang-Gefühlsleben einarbeitet. Genau das versteht der in Moskau geborene Hamburger Professor Evgeni Koroliov herauszuarbeiten. Er setzt sich – von den Konstanzer Solistenkonzerten am ersten diesjährigen Bach-Tag eingeladen – in hechtgrauem Hemd ohne Pathos an den alten Philharmoniker-Flügel und hält die strikte Ordnung der „Goldberg-Variationen“ ein: Thema, 32 Veränderungen, Thema.

Aber schon beim Thema spielt die Phantasie mit. Die zwei ersten Töne bekommen leichten Nachdruck, den dritten Ton ziert ein melodischer Praller, den zweiten Takt eine lyrische Linie. Schönstes „Aria“-Cantabile, ohne Generalbass, obwohl die Basstöne das Thema stiften. Doch die Phantasie besiegt Takt für Takt, Variation für Variation dieses Ordnungsfundament.

Die Elemente von Koroliovs grandioser Pianistenkunst: Erstens eine Technik, die in 84 Minuten pausenlosem Spiel makellos die Noten in Fingerbravour übersetzt. Da fällt keine Mittelstimme in bloß füllende Mittelmäßigkeit, da laufen die Skalen mit Raketen-Tempo, die zehn „Canon“-Veränderungen geben keine pädagogisch betonten Einsätze, sondern agieren stets als konzertantes Miteinander oder ernst melancholischer Dialog, so in der ersten Moll-Variation, Nummer 15.

Zweitens ein wunderbar in Tempo und Klavier-Dynamik erfülltes Doppelspiel von Kontrapunkt und Tanz. Dabei erfrischt und erfreut, wie das „Canonische“ konzertant gesteigert, das Tänzerische zur Suite verbunden wird. Welche rhythmische Energie konzertiert über klaren Bass-Vierteln im Quarten-Kanon, welch eine verträumte Piano-Variation folgt mit singendem Parlando, ehe ein Triller-Scherzo kokette Heiterkeit mit überkreuzten Händen von den Tasten holt. Im ersten Moll klingen fallende Figuren, chromatische Seufzer, als solle aus Spiel Ernst werden. Doch kaum verklingt der letzte, fragende Klageton, lädt der Klang-Zeremonienmeister zu barockem Fest ein: Ouvertüre mit rauschenden Tonleiter-Raketen, prächtig scharfen Punktierungen, Presto-Schluss. Prunkstücke, ursprünglich für zweimanualiges Cembalo gesetzt, steigern die Verwandlungsmagie: Terzenläufe, Mittelstimmen- und Akkordtriller, schnellste Triolen – und dazwischen Variation 25 mit geradezu modernem Klangbild. Deutlich klingt der berühmte chromatische Quartengang (auch im „Crucifixus“) unter einer poetischen Legato-Elegie von feinster, vielfältiger Artikulation.

Drittens verdoppelt der Solist die Bachschen Variationen. Jede der 30 Veränderungen besteht aus zwei jeweils zu wiederholenden Teilen – und Evgeni Koroliov gewinnt aus jeder Wiederholung eine neue Variation, mal forte statt piano, mal härtere Dissonanz-Akzente, mal Temponuance oder Spiel in höherer Oktave.

Lohn für Bach und Koroliov: Volles Haus, höchste Spiel- und Hörkonzentration, Begeisterung mit Standapplaus.

Südkurier, Helmut Weidhase, 13.11.2012
*********************************************

Würzburg Mozartfest: Oberste Liga der Kammermusik

Das Dresdner Streichtrio und Pianist Evgeni Koroliov musizieren im Kaisersaal der Würzburger Residenz auf einer Wellenlänge

Wie Koroliov voll Esprit, mit quicker Wachheit und insbesondere in vorbildlich enger Kommunikation mit den Dresdnern aufspielte, war brillant. Was der Pianist als Solist zu bieten hat, präsentierte er mit seiner in den Ecksätzen dramatisch packenden und im Adagio ungemein intensiven, mitunter hymnischen Interpretation von Mozarts c-Moll-Sonate.
Mainpost, Frank Kupke, 18.6.2012
*****************************************
Klavierrecital im Münchner Herkulessaal mit Werken von Bach, Mozart und Chopin

"Faszinierend"

Dass ein Meisterinterpret Bachs auch ein genau so kompetenter Chopin-Exeget ist, wird man nicht leicht unter den aktuellen Pianisten finden. Aber im Herkulessaal wurde es faszinierende Wirklichkeit. ... Unter den Fingern von Koroliov wurden sie zu einer Ausdruckslandschaft von bezwingender Macht, meisterhaft organisiert und einem lebendigen agogischen Atem.

Süddeutsche Zeitung, Klaus P. Richter, 12. Mai 2012
__________________________________________________________________________________________________

Mozarts Klavierkonzert KV 466 mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz unter Andreas Spering

"Bekannte Werke spannend interpretiert"

… Die herausragende Strenge und Konzentration, die das Philharmonische Staatsorchester auch exakt und klangfreudig umsetzte, bestimmte schon Mozarts d-Moll-Klavierkonzert. Spering und der Solist, Evgeni Koroliov, harmonieren nämlich wunderbar in ihrer Darstellung: Nicht nur die Abkehr von jeder Gefühlsduselei, auch ihre Bemühungen um Klarheit, Verständlichkeit und Lebendigkeit einte sie. Koroliov, mit hellem Ton und präziser Akzentuierung, spielt das d-Moll-Konzert als Studie der Nachdenklichkeit und der Vernunft – deren Heiligkeit, das Licht der Aufklärung, wurde so etwas wie Leitidee ihrer Interpretation. Ein Diamant – voller präzisem Feuer.

Klarheit ist das Ziel von Pianist und Dirigent. Nicht als Wissenschaftler, sondern als Musiker – als Liebhaber der Musik mit voller Hingabe. So entwickeln sie auch Dynamik und Spannung des Mozartschen Spätwerks ganz organisch. Und mit dieser Kombination interpretatorischer Tugend, dem verständigen und liebevollem Spiel, erklingt auch Bekanntes wieder neu und spannend wie nie zuvor.

Mainzer Rhein-Zeitung, Matthias Mader, 26. Mai 2010
__________________________________________________________________________________________________

Klavierrecital im Pro Arte Zyklus: Hamburg – Laeiszhalle, Gr. Saal

"Vom Glück des barocken Maßes - Bachs Goldberg-Variationen"

Bach, Koroliov und das Publikum: Der russische Pianist Evgeni Koroliov feiert eine Sternstunde der Klaviermusik in der Laeiszhalle.

Zu den Tugenden der Alten, wie die barocken Meister in der Originalklangszene durchaus respektvoll genannt werden, gehört die Einheit von künstlerischem Ausdruck und Maß. Johann Sebastian Bachs sogenannte Goldberg-Variationen, ein Gipfelwerk der Klavierliteratur, verkörpern diese Synthese in besonderem Maße. Bach hat mit ihnen seiner Zeit einerseits weit voraus gegriffen und Spuren bis zu Liszt und Wagner gelegt. Andererseits hat er, ganz Kind seiner Zeit, seinem Feuerwerk an musikalischen Einfällen wie nebenbei eine ordnende Form gegeben.

Eine beglückende Lesart des Zyklus war jetzt in der Laeiszhalle zu erleben. Der Russe Evgeni Koroliov, seit über 30 Jahren Wahlhamburger, strafte den Lehrsatz vom Propheten in der eigenen Stadt Lügen und lockte ein erstaunlich großes Publikum in den Großen Saal. Koroliov hat sich seinen Zugang zu Bachs Musik zeitlebens selbst erarbeitet. Dennoch klang sein kristallklares Spiel in vieler Hinsicht und im besten, unakademischen Sinne historisch informiert: So dehnte Koroliov Vorhalte, bis sie körperlich spürbar wurden; er nahm sich die agogische Freiheit, die die Musik wie frisch erfunden klingen ließ, und wahrte doch den metrischen Bezugsrahmen. Die Kadenzen führte er in eine Stille zurück, dass einem der Atem stehen bleiben wollte. Und stets war die Basslinie als Pulsgeber, als Kontrapunkt, als eigenständige Stimme präsent.

Das war eine Seite von Koroliovs Spiel. Die andere - keinesfalls als Gegensatz zu verstehen - war die hinreißende Frische seiner Interpretation. Jede Wiederholung wurde zu einer kleinen Überraschung: Mal variierte er die Verzierungen, mal die Klangfarbe oder die dynamische Entwicklung. Anmutig drehten sich die Tanzsätzchen; mühelos kreuzte Koroliov die Hände und ließ seine Finger durcheinander wimmeln, als hätte der Steinway zwei Manuale wie das Cembalo, für das Bach das Werk einst verfasste. Und mit dem großen Adagio entrückte Koroliov die Anwesenden endgültig in eine andere Welt: Wie Findlinge setzte er die Schwerpunkte, er ließ die Dissonanzen schaben und den Schluss in einem schier endlosen Decrescendo verklingen.
Selten hat man den Großen Saal so knisternd aufmerksam erlebt. Die wenigen Huster waren der verzeihliche Tribut ans Wetter. Und ob der Titel nun von Bach stammt oder nicht (die Forschung zweifelt) - lassen wir ihn doch der Musik. Er ist so hübsch.

Hamburger Abendblatt, Verena Fischer-Zernin, 5. Februar 2010
__________________________________________________________________________________________________

Dresdner Musikfestpiele 2008

„Schönheit und Strenge“

Dresdens Musikfestspiele boten eine Reise zu Bachs „Kunst der Fuge“- Pianist Evgeni Koroliov krönte sie

Koroliov ist ein ruhiger Klaviervirtuose, dem Äußerlichkeit fremd ist, der mit geradezu selbstverständlicher Perfektion den Bogen von Bach, über Schostakowitsch und Ligeti wieder zurück zu Bach schlug. Jedes der Stücke war in sich geschlossen ein Meisterwerk, klar interpretiert, mit Charakter und Entwicklung. Auch Schostakowitschs 24 Präludien zeichnet diese Strenge Kunst nach Bachs Fuge aus. Es ist die Suche nach musikalischen Formen, die in klaren Regeln und Bezügen die Traditionen aufnehmen, weiterführen und schließlich aufheben – ohne zerstörend zu wirken. Koroliov macht diese Beziehungen von Bach bis Chopin hörbar, differenzierte die unterschiedlichen Charaktere genau aus und interpretierte die Werke doch wie aus einem Guss.
Mit Stücken von Ligeti setzte er diesem Weg fort. Die Ausdrucksmittel verdichten sich, die Klänge und Rhythmen wurden aggressiver, bis der Pianist schließlich zu Bach zurückkehrte. Bei dieser stimmigen Programmkomposition war es nur logisch, dass Koroliov trotz lang anhaltendem Applaus keine Zugabe spielte.

Sächsische Zeitung, Jens Daniel Schuber, 20. Mai 2008

//

„Glasklar“

... „War schon bei den vorherigen Programmen des Tages mit Werken von Kurtág und Reger eine Programmdramaturgie vorhanden, so bekam Bach in diesem Konzert Schostakowitsch und Ligeti als „Nachbarn“ und diese Gegenüberstellung war nicht nur sinnfällig, sie geriet durch eine vollends überzeugende Interpretation Koroliovs zu einem grandiosen Konzerterlebnis.
Dabei war das Bach-Spiel höchst bemerkenswert: glasklar strukturierte Koroliov die Contrapuncti, legte Emphase auf die die Entwicklung vorantreibenden Zwischenspiele und gab jedem der Stücke eine ganz eigenen, durchgehaltenen Charakter, der kantige Themenrufe ebenso vorsah wie verinnerlichtes, gleichsam hinter einem Vorhang stattfindendes Spiel mit subtiler Anschlagskultur.
... Erfrischend spielte Koroliov vor allem die zweistimmigen Canons, bevor er mit ruhig-überlegenem Gestus in der letzten unvollendeten Quadrupelfuge die Zuhörer vollends begeisterte.“

Dresdner Neueste Nachrichten, Alexander Keuk, 20. Mai 2008
__________________________________________________________________________________________________

Festival „Zeitinsel II“ des Dortmunder Konzerthauses 2008

„Sensationeller Auftakt voller Esprit“

Mit einem sensationellen Klavierabend von Evgeni Koroliov begann im Konzerthaus die „Zeitinsel II“ die dem Komponisten György Ligeti gewidmet ist.
Ohne jede Allüre geht der Pianist an den Flügel. Aber dann entwickelt er ein souveränes Farbenspiel, eine völlig unaufdringliche Virtuosität, die staunen macht. Ligeti at den jüngeren Kollegen an der Hamburger Mu-sikhochschule als Interpret seiner Werke sehr geschätzt. Koroliov vermag die Vielseitigkeit des Komponisten bravourös aufzufächern, seinen Charakter offen zulegen. Er spielte Stücke aus der „Musica Ricercata“ – mit rhythmischer Prägnanz, kräftigem Zugriff und auch lyrischer Innigkeit. Ideereich hat Ligeti hier das Klangma-terial, da er auch aus der Folklore seiner ungarischen Heimat schöpfte, neu gesichtet und neu gestaltet.
Später erklangen „Etudes pour Piano“ als Beispiele von Ligetis „Spätwerk“. Sie sind hochvirtuose Klaviermu-sik in der Folge von Romantik und Impressionismus, beeinflusst auch von außereuropäischer Musik, unsen-timental und oft von Humor geprägt. Koroliov servierte sie mit einer Grandezza und sensiblem Einfühlungs-vermögen: die perlende Rastlosigkeit der „Fanfares“, die lyrische Schönheit von „Arc-en ciel“, die sich in höchste Höhen verliert, die tänzerische Lust von „FEM“, die Obsessivität des „Zauberlehrlings“ und – virtuos die „Teufelstreppe“, in der man das Kichern des Satan hört und die verzerrten Kirchenglocken herüberwehen.
Ligeti schätze Koroliov aber auch wegen seines außergewöhnlichen Bach-Spiels. Atemberaubend spannend und ausdrucksvoll bewies er es hier mit Beiträgen aus der „Kunst der Fuge“. Wie er die Strukturen freilegt, den geistigen Gehalt deutlich herausarbeitet, am Ende die großen Steigerungen der Fuga a 3 Soggetti wie ein Wunderwerk aufbaut – das macht ihm so schnell keiner nach!

Westfälische Rundschau / WAZ, Sonja Müller-Eisold, 5. April 2008

//

„Koroliov weckte die Lust an Ligeti“

Für sein imposantes Bach-Spiel ist Pianist Evgeni Koroliov berühmt. Aber so spannend wie der 58-jährige Russe zum Auftakt des Ligeti-Festivals im Konzerthaus die Etüden von Ligeti spielte, hätten alle Bach-Fans im Handumdrehen zu Ligeti-Freunden werden können.
Der ruhige, konzentrierte, ernsthafte Koroliov ist eine Orchidee in der von Effekhascherei und Virtuosen ge-prägten Pianistenszene. Reif, unprätentiös, fast nacht ohne Pedal spielte er Bach und durchdrang dabei die „Kunst der Fuge“ bis ins Innerste. Spektakulär ist das Unspektakuläre an dem gehaltvollen Spiel des Russen. Auch Debussys Etude und Prélude legte er nicht als impressionistische Schaustücke an, sondern gab beiden Werken große Tiefenschärfe.
Impressionistischer klang da fast schon sein Ligeti. Wie verwandt dessen Etüden mit Bartoks „Mikrokosmos“ sind, macht Koroliov in seiner interessanten Gegenüberstellung deutlich. Etwas ungarischer, färbte er die Bartok-Werke; melodiös sind sowohl sie als Ligetis gewaltiger und vielseitiger Klangkosmos, den er in den über einen langen Zeitraum entstanden Etüden ausbreitete, die ein Schmelztiegel von (Ausdrucks) formen sind.
Spielerisch leicht, mit Spaß am Rhythmus und Swing, der aus den Etüden lugt, spielte der Russe 13 Etüden – konzentriert und lebendig, technisch bewundernswert perfekt und berührend viel Seele im Ton. Nach diesem glänzendem Auftakt verspricht das sehr hochkarätig besetzte Ligeti-Festival bis Sonntag eine hochspannen-de Werkschau zu werden.

Ruhrnachrichten Dortmund, JG, 5. April 2008
__________________________________________________________________________________________________

Festival "Soli deo Gloria"

Er bewegt sich so unspektakulär am Flügel, als gäbe er ein gemütliches Hauskonzert. Dabei bot Evgeni Koroliov im gut besetzten Bisdorfer Schafstall mit Bachs Goldberg-Variationen eine pianistische Lehrstunde vom Allerfeinsten.
Koroliov stellt das Aria-Thema ruhig, fast abgeklärt in den Raum. Die dreißig Variationen reihen sich bruchlos aneinander. Dennoch gelingt dem Pianisten ein Höchstmaß an differenzierter Gestaltung.
Die Durchsichtigkeit der einzelnen thematischen Phrasen, etwa in den fugalen Partien, ist faszinierend. Dabei wirkt der Vortrag wie ein Fluss, der sich durch wechselndes Terrain schlängelt: munter plätschernd, tosend Stromschnellen überwindend oder in ruhigem Lauf breit dahinmäandernd.
Prägnant wie ein Metronom führt Koroliov die ursprünglich für zwei Manuale komponierten Partien vor, bei denen die schier endlosen Triller und Läufe locker und leicht dahinperlen. Die langsamen Variationen werden zu intimen Träumereien, oft intensiviert in den Wiederholungen, bei denen Koroliov mit geschlossenen Augen seinem Spiel nachzusinnen scheint. Es folgen Sätze, die mit Esprit und jazzigem Drive mitreißen.
Wie aus fernen Sphären weht am Schluss noch einmal die Eingangs-Aria herüber. Für einen Moment scheint die Zeit still zu stehen, dann bricht der Beifall los.

Braunschweiger und Wolfsburger Zeitung, Gerd Klingeberg, 25. März 2008
__________________________________________________________________________________________________

Klavierrecital im Pro Arte Zyklus: Hamburg – Laeiszhalle, Gr. Saal

"Evgeni Koroliov: Bach mit Tiefgang"

Für den im letzten Jahr verstorbenen György Ligeti waren die Bach-Interpretationen von Evgeni Koroliov ganz klar die Platte, die er auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Nach dem grandiosen Solo-Abend des russischen Pianisten in der Laeiszhalle möchte man hinzufügen: Schade eigentlich, dass es nicht möglich ist, Teile eines Konzerts mit auf die Insel zu nehmen. Oder wenigstens mit nach Hause.

Denn mit seiner Darbietung von Auszügen aus Bachs "Wohltemperiertem Klavier" bescherte der stille Anti-Star seinen Hörern ein Erlebnis von großer Tiefe, emotionaler Dichte und, ja, musikalischer Weisheit.
Es gelingt ihm, die kunstvoll verwobenen Kompositionen in ihrer ganzen Komplexität darzustellen - und die mit gleichsam mathematischer Präzision gefügten Tonmuster bei aller Klarheit gleichzeitig in organische Gebilde zu verwandeln: Hier sind die melodischen Linien keine Gefangenen des strukturellen Rasters, sondern können frei atmen, singen und zu sinnlicher Schönheit erblühen. Dabei steht nicht ein einziger Klang für sich allein, sondern tritt immer mit der Umgebung in Dialog: Lebendiger, beseelter lässt sich Bach kaum musizieren.

Nach einer so gewichtigen, substanziellen Begegnung wirkte Haydns neckisch-nette C-Dur-Sonate fast zwangsweise ein wenig harmlos - obwohl Koroliov das dreisätzige Stück mit seiner weit ausdifferenzierten und subtil abgestuften Anschlagskultur äußerst delikat aus den Tasten perlen ließ. Vielleicht wollte er sich und dem Publikum auch eine kleine Verschnaufpause gönnen - denn zum Abschluss des Programms hatte er mit Beethovens Opus 111 wieder einen ordentlichen Brocken ausgewählt.
Mit packendem Zugriff machte der Pianist seine Interpretation zu einer spannenden Entdeckungsreise durch die weiträumig zerklüfteten Klanglandschaften des späten Beethoven, vom erdigen Anfang mit seinem griesgrämigen Grummeln bis zur verklärt trillernden Jenseitigkeit am Ende der abschließenden Arietta. Dabei schienen ihm die lyrisch-verhangenen Passagen doch noch eine Spur näher zu sein als die unvermittelt hereindonnernden Akkordschläge: Evgeni Koroliov ist eben kein brachialer Berserker, sondern ein feinsinniger Filigrantüftler.
Mit zwei Abschnitten aus den "Goldberg-Variationen" kehrte der Pianist schließlich in seiner zweiten Zugabe zu Bach zurück - und wurde von seinen begeisterten Hörern ausgiebig gefeiert. Auch Ligeti hätte ganz sicher seine Freude gehabt.

Hamburger Abendblatt, Marcus Stäbler, 3. Dezember 2007

//

"Evgeni Koroliov bei Pro Arte: Am Klavier von letzten Dingen erzählen"

Forschen wir nach Gemeinsamkeiten zwischen jenem punkig frisierten Popstar-Pianisten aus dem Reich der Mitte und dem artig gekämmten Evgeni Koroliov, fallen uns immerhin drei Punkte ein: Beiden dient der Steinway als Produktionsmittel, beide wählen unsere ehrwürdige Laeiszhalle als Auftrittsort, und beide musizieren in Hamburgs feinster Klassik-Reihe, die da Pro Arte heißt. Neben diesen berufsbedingten Berührungspunkten fallen ansonsten bedeutsame Unterschiede ins Auge - und vor allem ins Ohr. Bei Koroliov ist der Name Pro Arte Programm: Hier gilt's der Kunst. Bei Lang Lang drängt sich angesichts seiner ausgeprägten schauspielerischen Qualitäten der Eindruck auf: Hier gilt's der Show.

Als Koroliov am Freitag für sein Solo-Recital die Bühne betrat, wirkte er nicht nur bescheiden, sondern geradezu scheu, introvertiert und auf eine wundersam sanft geerdete Weise auch intellektuell. Als wolle er diesen äußeren Eindruck sogleich auch künstlerisch bestätigen, widmete er sich zunächst seinem musikalischen Fixstern, Johann Sebastian Bach. Ein Markenzeichen Koroliovs möchte man die Klaviermusik des Thomaskantors nennen, schreckt dann aber alsbald vor derart prosaischen, der Ökonomie entlehnten Begrifflichkeiten zurück. Denn Marketing, im Sinne einer auf kurzfristige Maximierung von Gewinn zielenden Vertriebsmaschinerie, ist dem 1949 in Moskau geborenen Diener der Kunst völlig fremd. Sein Erfolgsrezept gründet auf einem tiefschürfenden Verständnis der Musik an sich.

Koroliov baut auf leise und auf weise Töne. Mit seiner Auswahl von Präludien und Fugen aus Bachs "Wohltemperiertem Klavier" ist er denn auch dem Mysterium dieser ganz großen Musik stets auf der Spur. Wo Geist und Tat bei Bach so ideal Hand in Hand gehen, erweist sich Koroliov als ein genialischer Nachschöpfer, der auf vollkommene Weise Denker und Macher zugleich ist. Hält man sein Bachspiel zunächst für abgeklärt, bedacht und wohlproportioniert, fallen im Laufe des Zyklus durchaus extreme Mittel der Vergegenwärtigung und Verwesentlichung auf: Die Tempi sind entweder ganz getragen oder ganz geschwind, wobei er die Extreme nicht überreizt, sondern als Exeget vom Range eines Pianophilosophen schlichtweg perfekt auslotet: In meditativer Entschleunigung schenkt der Meisterpianist Bach all seine Herzensgüte und Wärme. Verinnerlicht und beseelt wirken die Präludien, dabei nie vergrübelt, sondern durchdrungen von Bachs göttlicher Klarheit des Gedankens. Manch chromatisch gespreizte Fuge seziert er dafür in gläserner Durchsichtigkeit, macht die Kühnheit des Konzepts in all ihrer Modernität hörbar. Intellektuelles Begreifen und sinnliches Spiel treffen sich bei Koroliovs Bach in ihrer wahrlich goldenen Mitte.

Nach der Pause, bei Haydn und Beethoven, gewichtet er die beiden Zutaten ganz neu. Josef Haydns "Sonate C-Dur Hob. XVI: 50" würzt er mit trennscharfen Staccato-Legato-Wechseln und gewitzten Akzenten, gibt sich einer putzmunteren Verspieltheit hin, als wolle er Haydn als kontrastdynamischen Kontrapunkt vor Beethovens letzte Sonate, das gedankenschwere Opus 111, setzen. Wo Beethoven hier noch einmal einen gigantischen Kosmos von heroischer Leidenschaft bis zur gleichsam buddhistischen Läuterung eines stürmischen Kämpfers aufbaut, schien Koroliov gar von letzten Dingen und geheimnisvollen Wahrheiten zu künden: Was die Welt im Innersten zusammenhält? Hier ward's Erkenntnis.

Die Welt, Peter Krause. 3. Dezember 2007
__________________________________________________________________________________________________

Niedersächsische Musiktage, Hannover

"Ein Lächeln von Wolke sieben"
Ein großer Abend: Der Pianist Evgeni Koroliov spielt Bachs "Goldberg-Variationen" bei den Niedersächsischen Musiktagen


Dicke Wolken hingen am Sonnabend über Hannover. Und auch Johann Sebastian Bach war auf seiner Wolke sieben in der Landeshauptstadt eingeschwebt. Schließlich spielte einer seiner meistgeliebten Jünger, der Pianist Evgeni Koroliov, in der Galerie Herrenhausen seine prachtvollen “Goldberg-Variationen“. Dem schaue ich mal ein wenig auf die Finger, mag sich der gestrenge Thomaskantor gedacht haben. Er wird nach dem Konzert mit Sicherheit tief befriedigt von dannen geschwebt sein, denn Koroliov bot eine schlichtweg überwältigende, in ihrer Tiefenauslotung und pianistischen Makellosigkeit kaum zu übertreffende Darbietung des Bach'schen Opus Magnum.

Wer Koroliovs im Bach-Jahr 2000 veröffentlichte, durch Geradlinigkeit und Formenstrenge bestechende (Studio-)Aufnahme der “Goldberg-Variationen“ kennt, konnte nur verblüfft sein von den ungeheuren Freiheiten, von der fast improvisatorischen Frische, zu der er sich in der Liveatmosphäre des Konzertsaals beflügeln ließ.

Schier verblüffend ist allein schon der dynamische und klangfarbliche Reichtum, den er dem Flügel zu entlocken versteht. Da gibt es beispielsweise eine unendlich tiefgründige, “adagio“ überschriebene Moll-Variation, die Nummer 25, ein schmerzlich-schönes Arioso, das die Cembalistin Wanda Landowska einst als “schwarze Perle“ bezeichnete. Evgeni Koroliov beschwört hier geradezu magische, an der untersten Schwelle des Hörvermögens angesiedelte (Pianissimo-)Momente, er lässt dieses tönende Mysterium förmlich herüberdämmern aus einer anderen, einer abgründigeren Welt.

Natürlich gibt sich Koroliov den diesseitig-virtuosen Facetten des Werkes ebenso lustvoll hin: etwa in der mit vorbildlicher Ebenmäßigkeit dahinperlenden Nummer 28, einer geradezu schikanösen “Triller-Etüde“. Oder in der 16. Variation, einer prachtvollen Ouvertüre im französischen Stil, die Koroliov in freier, gewichtiger Diktion und mit dem angemessen Pomp vorzutragen versteht. Mehr noch als die kunstvolle Beherrschung jeder einzelnen Variation beeindruckt, mit welch unbestechlichem Proportionssinn, mit welch dramaturgischer Stringenz Koroliov den Zyklus zur seelisch-geistigen Ganzheit rundet.

So verstanden, sind die “Goldberg-Variationen“ unendlich viel mehr als ein Kompendium pianistischer Möglichkeiten und ein virtuoses Durchexerzieren barocker Bauformen. Sie werden unter Koroliovs Händen zu einer Seelenreise, zu einem Spiegel menschlichen Fühlens und Denkens - ein unvergesslicher Abend, ein tief beglücktes Publikum und, dessen darf man sich sicher sein, ein Lächeln von Wolke sieben.

Hannoversche Allgemeine Zeitung, Daniel Behrendt, 1. Oktober 2007
__________________________________________________________________________________________________

Alte Oper, Frankfurt - Frankfurter Bach-Konzerte

"Noble Freiheit"

Es gibt wohl wenige Solisten, die sich wie Koroliov so konsequent unauffällig hinter ihr Programm stellen, ein sehr durchdachtes Programm zumal, mit Französischen Suiten (Nr. 5 und 6) von Johann Sebastian Bach im Gegenüber zu Mazurken und zwei Polonaisen von Chopin. Ein Programm schließlich, bei dem man sich nur wundern kann, das seine stringente Grundordnung so selten (wenn überhaupt) zu erleben ist – die Mazurken des Bach-Verehrers Chopin sind ohnehin echte Raritäten in den Konzertsälen geworden.

Koroliov "cembalisiert" die beiden Bach-Suiten nicht, noch hüllt er sie ins Pedal ein. Mit seinem klaren, uneitlen, dabei enorm differenzierten Spiel hebt er abwechslungsreich das jeweils Charakteristische der Sätze hervor. Die unauffällig sparsamen Rubati sind in die Bewegungen eingebunden. Die Tempi bleiben dennoch im Fluss, wofür auch die "atmende" Phrasierung stehen mag. Ein "moderner" Bach? Eher ein zeitloser in einer erfüllten Interpretation.

Der selbe Geist waltet bei den zehn ausgewählten, in den unterschiedlichen Bewegungsgraden höchst charakteristischen Mazurken zwischen dem frühen Opus 6,1 und dem vorletzten op. 67,4. Koroliov spielt das geschmeidig, wenn es gefordert ist auch höchst virtuos, ohne je die Fähigkeit des Differenzierens oder des Legato aufzugeben. Auf diese Weise bleiben auch die Spannungen zwischen melodischen Verläufen, harmonischen Kühnheiten und elastischer Rhythmik bestechend hörbar. Und all das in einer noblen Gestik von Freiheit. Und dazu darf man auch die Nobilität und die nie auftrumpfende Darstellung der beiden Polonaisen op. 26,1 und – auch diese von Seltenheitswert – op. 71,3 zählen. Ein rundum glückliches Publikum. Und "glückliche" Zugaben mit Bach (aus den Goldberg-Variationen) und Scarlatti (zwei Sonaten).

Frankfurter Neue Presse, Rudolf Jöckle, 21. April 2007
__________________________________________________________________________________________________

Salzburger Festspiele Pfingsten+Barock
J.S. Bach: Goldberg-Variationen


"Gute Stimmung mit Bach"

"Wenn es stimmt, dass Johann Sebastian Bach die "Goldberg-Variationen" eigentlich als Einschlafhilfe für den Grafen Keyserlingk komponiert hat, müsste der 1949 in Moskau geborene Pianist Evgeni Koroliov einem Missverständnis erlegen sein. Je weiter er im Variationen-Reigen des Kolossalwerkes voranschritt, desto mehr riss man die Augen auf. Die erste Matinee der Pfingstfestspiele am Samstag im Mozarteum endete in großer Begeisterung.
Dabei ist Evgeni Koroliov kein Exzentriker, sondern spielte seinen Bach mit hoher struktureller Klarheit und "klassischem" Ebenmaß, sei es das chromatische Adagio Nr. 26, aber auch den rasenden Kanon alla Nona Nr. 27 oder das pralle Quodlibet Nr. 30. Die atemberaubende Intensität entstand aus einer kostbaren Demut vor der Kunst und ungekünstelter Virtuosität.
Mozarts Variationenkunst über "Ah! vous dirai-je, Maman" verlängerte das Vergnügen an der Fingerfertigkeit des in Hamburg lehrenden Russen. Spannend, alles andere als ein kontemplatives Stündchen."

Salzburger Nachrichten, Ernst P. Strobl, 17. Mai 2005

zurück zur Kurzübersicht

Top